Alle Bilder sind in der Regel mit Ölfarbe auf Leinwand gemalt, wenige auch auf starkes Baumwollgewebe, Hartfaserplatte oder Papier (Küchenkrepp). Das ist jeweils extra vermerkt.

Für die Größenangaben der Originale gilt: Maße in cm und Höhe vor Breite.

"out of the Blue"

Der Einbruch des Unverhofften

 

Einführungsrede von Stefan Tolksdorf zur Ausstellung in der Galerie Stahlberger 2015


Konstantin Webers Bilder, so sehr wir uns von ihrer Farbpracht angezogen, ja angesogen fühlen, bergen ein erhebliches Verstörungspotential. Worin aber besteht es?
Allein darin, dass Seherwartungen, etwa in Richtung "Landschaftsmalerei" auf den zweiten Blick nicht eingelöst werden?
Dass sich jede Hoffnung auf erzählerische Konkretion sehr rasch in jener gewollten Unschärfe verliert, die vieles im Denk- und Fühlbaren, im poetisch Ungefähren belässt?
Liegt es womöglich an jener vom Maler meisterhaft beherrschten Verfremdungsstrategie, die das vermeintlich Bekannte - etwa die Sumpflandschaft der Petit Camargue oder die Innenräume gotischer Kirchen - in ein geradezu gespenstisches Zwielicht taucht, exakter: die dargestellte Materie in ein Licht- und Farbereignis transformiert?
Das Ereignishafte der an sich stillen Sujets - zunächst ja ein innerer Widerspruch - bringt uns dem, um was es mir geht, tatsächlich näher: Es ist das Moment des Plötzlichen, eines unbestimmten "Einbruchs", was uns irritiert - und den jüngsten Bildern von Konstantin Weber die Spannung mitunter verstörender Traumszenarien verleiht.
Wir kennen das Phänomen aus vielerlei Zusammenhängen: Es ist das gestaltlos Unbestimmte, das uns am meisten ängstigt. Wobei Angst in Bezug auf diese Bilder ein zu starkes Wort wäre. Belassen wir es also bei "Irritation" - und genau das ist es doch, was gute Kunst zu leisten imstande sein muss: den Betrachter momentlang zu verstören, genauer: an dem zweifeln zu lassen, was er vor sich sieht. Möglicherweise als Erinnerung an die Tatsache, dass was wir sehen, niemals die ganze Wahrheit sein kann - und sei es die Wahrheit der Farben.
Diese produktive Irritation kann im Bild auf unterschiedliche Weise entstehen: Durch Kombination des Inkommensurablen, in der krassen Konfrontation und in einer mehr oder minder ereignishaften "Poetik des Ungefähren".
Wer wie Konstantin Weber vor allem auf Farbdynamik setzt, wählt zwangsläufig den letzteren Weg. Nun birgt das häufig erprobte Verfahren der Unschärfe, erst recht bei mangelnder malerischer Finesse, die Gefahr, leicht ins Unverbindliche zu
entgleiten. Nicht bei Konstantin Weber. Nie gibt er sein Sujet dem malerischen Effekt preis. Was bei ihm Stimmung ist, verdankt sich nicht bloßem Kalkül, sondern ist - das spürt man zweifelsfrei - durch eigenes tiefes Erleben beglaubigt.
So evozieren seine Bilder, trotz erheblicher atmosphärischer Dichte, nie den Eindruck einer inszenierten Horrorfilmsequenz. Nichts Unbekanntes, Verstörendes "bricht" hier "ein", es steckt schon "drin", bricht vielmehr aus dem Bild "heraus".
Die Rede ist vom koloristischen Ereignis.
Der "Plötzlichkeit" der Farbe. Sie erscheint auf diesen zwischen Abstraktion und Konkretion changierenden Bildern nie mit informeller Gebärde-Wucht, eher als verhaltenes, aus der Tiefe des Bildraums leuchtendes Farblicht, ein Leuchten aus einer Sphäre jenseits des Motivischen, mitunter auch der Farbmaterie. Will sagen: dieser Maler ist nicht auf Illusionen aus.
Noch reden seine Bilder einer wie auch immer gearteten "neuen Mystik" das Wort. Hier wird nicht geraunt, sondern durch gelungenen Farbklang überzeugt.
Auch wenn er uns mitunter als verspäteter Romantiker erscheinen will und einige seiner Bilder nur ein Fingerbreit vom Literarischen entfernt zu sein scheinen, etwa bei jener geheimnisvollen Schwimmerin, von der man mitunter doch gern wissen möchte, wohin ihre Bahn sie führt und zu welchem Ende - Webers Bilder bleiben doch primär Farbereignis, entstanden aus der Überlagerung von Schichten und Texturen, ein Palimpsest-haftes Sichtbarmachen früherer Arbeitsschritte.
Das Unerwartete kommt buchstäblich aus dem Blau. "Out of the blue" - diese Wendung beschreibt im Englischen eben diesen Eindruck des Plötzlichen.
Auch in den jüngsten Portraits kehrt dieses Erlebnis wieder. Es liegt in der spontanen Wahrnehmung eines (weiblichen) Gesicht, wie wir es von der Fotografie kennen: Die "Momentaufnahme", der "Snapshot". Jedoch auch von manchen raren Portraits aus der Zeit vor der Erfindung des "Lichtbilds" - etwa bei Jan Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrring". Kein
Zufall, dass sich Konstantin Weber bei seinem kunsthistorischen Zitatenspiel gerade bei diesem Maler Anleihen macht, das weltbekannte Gesicht derart variiert, dass nur ein vages "Déjà-Vu" bleibt, eben jene leichte Verstörung, ohne die keines dieser Bilder auskommt. Ebenso bei einer anderen, hierzulande politisch missbrauchten Ikone der Kunst: "Uta von Naumburg" -
das Vorbild übrigens für die böse Fee in Disney's Cinderella.
In Webers Variationen finden sich diese "Alten Bekannten" kaum wieder. An ihre Stelle tritt etwas, was das Zitat rechtfertigt: Etwas Neues, "Bekannt-Unbekanntes", das exakt der Empfindung des Déja-Vu entspricht. Letztlich rekurrieren sämtliche Bilder auf das Thema "Zeit".

 

Halten wir fest: Zeitlichkeit - sicher eines der faszinierendsten Themen der Kunst - macht sich kenntlich:

  • durch die Textur und die Schichtung der Farbe, die den Prozess kenntlich macht - die Qualität der Dauer.

  • Im scheinbar "zeitlosen", das heißt: ereignislos stillen Sujet.

  • Im Moment des Plötzlichen, das den Eindruck der Stille - und diese Feststellung erscheint mir wichtig - keinesfalls zerstört oder in Frage stellt, allenfalls kurz konterkariert.

Es gibt freilich auch Bilder, zuvorderst die Innenräume gotischer Kirchen, die jenseits des Momenthaft-Diaphanen in sich selbst zu vibrieren scheinen. Diese Räume sind an sich schon Ereignis - das mitunter spontane oder langsam wachsende Erleben von vergeistigtem Raum.
Und ist dies nicht die ursprüngliche Intention der Gotik: Die Entmaterialisierung des gebauten Raums im Sinne der "Durchlichtung"?!
Im Dienste einer dazumal neuen spirituellen Erfahrung.Um dieses innere Erleben scheint es auch dem Maler zu gehen. Der Ort dieser mitunter Epiphanie-haften Begegnung mit dem Anderen, Numinosen, bleibt dabei stets benennbar: Die Natur, die Architektur, die Malerei. Einige seiner Werke nehmen - in aller Eigenständigkeit - deutlich Bezug auf die Kunstgeschichte: Manets skandalträchtiges "Frühstück im Grünen" oder das berühmte "Eismeer" von Caspar David Friedrich - zwei gleichermaßen verstörende Bilder - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen:
Das eine irritierte durch die Abwesenheit, das andere gerade durch die Anwesenheit des Menschen.Hat Weber in früheren Adaptionen des "déjeuner sur l'herbe" die Figuren der Sitzenden verschwimmen, besser: im Grün "versinken" lassen, scheint er sich in seinen jüngsten Farblandschaften mehr denn je der "Leere" zu nähern.
Ist es nicht so, dass in unserer archetypischen Wahrnehmung ein nackter Horizont notwendig das Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit erzeugt - mit oder ohne "Mönch am Meer"?
In seinen "Weitsichtbildern" versteht Weber, diesen Eindruck auf vielfältige Weise zu steigern. Generell lässt sich sagen: Je unschärfer der Horizont, je mehr die Farbsphären sich berühren, in einander fließen, umso stärker die Möglichkeit
einer unio mystika - wohl gemerkt: verstanden als primär optisches Erlebnis. Keine Botschaft, ja vielfach nicht mal ein bestimmbares Sujet wird hier vermittelt.
Mitunter fällt es auch schwer, von "Landschaft" zu reden. Mit profunder koloristischer und kunsthistorischer Könnerschaft werden hier Farblicht-Ereignisse inszeniert.
Und die Qualität auch dieser Bilder besteht in der Tatsache, das diese Inszenierung nicht gewollt, sondern aus innerer Notwendigkeit erscheint, unvermittelt - eben out of the Blue!
Lassen wir uns also ein auf dieses Überraschungsmoment - auch bei den Bildern die selbst nicht in Blau getränkt sind, der deutsch-romantischen Farbe der Sehnsucht, des Himmels und der Spiritualität.
Nehmen wir sie ruhig weniger schwer, als Anlass zu einer "Fahrt ins Blaue" - und sehen, was vor dieser faszinierenden Malerei mit uns geschieht! Bestenfalls vertieft sie unser Sehen, macht uns "feeling blue"!
                                                                                                                                              Stefan Tolksdorf